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Position zum achtjährigen Gymnasium im Saarland

 

Unsere Analyse von Anfang 2008 und unsere damaligen Forderungen stehen hier zum Download noch zur Verfügung. 

Viele Eltern im Saarland sorgen sich wegen einer unzureichenden Schulbildung sowie schlechteren Zukunftschancen ihrer Kinder. Virulent ist diese Sorge bei Eltern, deren Kinder das achtjährige Gymnasium (G 8) besuchen. Denn die Verkürzung der Schulzeit hat unbestreitbar die Atmosphäre des Bewährungsdrucks an Schulen hochgeschraubt und zu hoher Arbeitsbelastung sowie enormen Leistungsanforderungen geführt, in vielen Fällen verbunden mit gesundheitlichen Problemen bei Kindern. Kinderpsychologen sprechen über ein Ansteigen ihrer Patienten aus dem G 8. Viele Kinder können das Gymnasium ohne Hilfe der Eltern oder von Instituten tatsächlich nicht mehr bewältigen. Von längeren Auslandsaufenthalten raten Lehrerinnen und Lehrer inzwischen ab. Es bleibt weniger Zeit für außerschulischen Sport und Musisch-Kulturelles sowie Hobbys. Besonders heftig traf es die rund 2 500 Schülerinnen und Schüler, die als erste im G 8 in die Oberstufe eingetreten sind und dort mit dem letzten Jahrgang des neunjährigen Gymnasiums zusammenkamen. Sie mussten mit einem Jahr weniger Erfahrung und Unterricht im Jahr 2009 dasselbe Abitur packen und mit doppelt so vielen um die Studien- und Ausbildungsplätze konkurrieren. Eine Verletzung des Rechts auf Gleichbehandlung. Zudem verschlechtert das achtjährige Gymnasium die Arbeitsbedingungen der Lehrerinnen und Lehrer. 


Aus einer Befragung der Landeselternvertretung Gymnasien im Jahr 2008, die wir mit initiiert hatten, kamen ua. von Schülern folgende Rückmeldungen:
- Während von den G 9-Schülern 13,7 % kommerzielle Nachhilfe in Anspruch nahmen, lag die Quote bei den G 8-Schülern bei 22,3 %. Von diesen G 8-Schülern erhielten 67 % Nachhilfe in Mathematik.
- Mehr G 8- als G 9-Schüler schaffen nach eigenen Angaben ohne Nachhilfe das Abitur nicht.
- Allgemein empfanden die G 8-Schüler die Leistungsanforderungen in der Oberstufe und die Arbeitsanforderungen durch Hausaufgaben und Lernen als stärker belastend; ihr Familienleben hat darunter gelitten.
- G 8-Schüler fühlten sich in der Schule häufiger überlastet, was sich dann auch in einer höheren Quote von gesundheitlichen Beeinträchtigungen wie Kopfschmerzen und Übelkeit zeigte.
- G 8-Schüler wandten mehr Zeit für ihre Hausaufgaben auf, bereiteten sich weniger selbständig auf Kursarbeiten vor und litten eher unter gesundheitlichen Beschwerden durch die Schule als ihre Mitschüler aus dem G 9.

Die Zusammenfassung der Ergebnisse der Befragung der Landeselternvertretung Gymnasien steht hier zum Download zur Verfügung.

Unser Fazit:

Viele von den 2 500 G 8-Schülern haben mit Beeinträchtigungen ihres Privatlebens und ihrer Gesundheit einen hohen Preis dafür bezahlt hätten, dass die Landesregierung dem Schulleben keine Zeit und keinen pädagogischen Freiraum für die Umstellung auf acht Jahre bis zum Abitur gegeben hat. Dabei erfasste die Befragung nur die G 8-Schüler, die bis ans Ende der Oberstufe durchgehalten und nicht diejenigen, die wegen Schwierigkeiten vorher aufgegeben haben oder wiederholen mussten. Da G 8-Schüler drei bis vier Pflichtschulstunden pro Woche mehr absolvieren mussten und noch dazu einen höheren Nachhilfeaufwand hatten, waren bei vielen Einschränkungen bei musisch-kulturellen und sportlichen Freizeitaktivitäten unumgänglich. Nach unserer Auffassung darf aber das Schülerleben nicht auf Lernen allein reduziert werden. Es gilt, auch Freiräume für Persönlichkeitsbildung zu lassen.

Notwendige Korrekturen am G 8:

- Überprüfung der Lehrpläne auf Erforderlichkeit der Inhalte und mögliche fächerübergreifende Synergieeffekte
- Besserer didaktischer Aufbau der Lehrpläne, z.B. Stärkung der sog. Kernfächer in der Mittelstufe. Dazu ist es erforderlich, z.B. Deutsch, Mathematik und Fremdsprache mit vier statt drei Wochenstunden anzubieten, bei gewissen Abstrichen in der Unterstufe (wo in den Kernfächern sechs Stunden angesetzt sind).
- Überprüfung von Zahl und Umfang der Leistungsmessungen, ggf. Reduzierung
- Ggf. Ausweitung der Lerneinheiten und Schaffung von Fächerverbünden
Einführung bzw. Verstärkung von Projektarbeit, außerschulischem Lernen und Modularisierung
- Mehr Lehrerzeit und –kompetenz an den Gymnasien für individuelle Förderung und auch Forderung, für Wiederholung und Vertiefung sowie praktische Anwendung
- Überprüfung der zur Verfügung stehenden Tageszeit für das Abitur in acht Jahren und der Rhythmisierung des Schultages, ggf. Schaffung eines Angebots an Gymnasien als echte Ganztagschulen, an denen die Lernzeit größer und besser rhythmisiert ist.


Im 21. Jahrhundert darf es nicht mehr nur um das bloße Vermitteln von Lehrstoff gehen. Kinder und Jugendliche müssen vielmehr in die Lage versetzt werden, selbständig Kompetenzen zu erwerben, Qualifikationen auszubauen, Bildung zu leben und zu erleben. Gefordert ist ein doppelter schulischer Perspektivwechsel - vom Lehren zum Lernen und vom Wissen zur Kompetenz. Bildungsstandards geben längst vor, dass bei der Diskussion um das achtjährige Gymnasium qualitative Kriterien im Vordergrund stehen müssen. Sinnvolles Lernen erfordert zudem eine pädagogisch sinnvolle Abwechslung längerer Lerneinheiten und Freizeitgestaltung, was nur in echten Ganztagsschulen realisierbar ist. Sie müssen als Lern- und Lebensräume gestaltet sein, mit genügend Zeit für individuelle Förderung eines jeden Schülers, sodass private Nachhilfe obsolet wird.


 

1 Statt 2.990 wie im Jahr 2007 und 3.090 im Jahr 2008 werden im Saarland im Jahr 2009 5.890 Schüler die Hochschulreife erhalten und Studienplätze sowie Ausbildungsplätze anstreben (Quelle: KMK-Statistik).

2 In kleineren Klassen werden Lerndefizite und individuelle Probleme von Schülern rascher und klarer erkannt, sie können umfassender und gründlicher aufgearbeitet werden. Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer: „Untersuchungen vor einigen Jahrzehnten fanden keinen Zusammenhang zwischen Klassengrößen und Lernerfolg. Zwar haben Lehrer immer gefordert, sie brauchen kleinere Klassen, aber ihnen wurde geantwortet, da gibt es empirisch keinen Zusammenhang. Mittlerweile ist ein Zusammenhang erwiesen. Ab fünfundzwanzig nimmt der Schulerfolg ab. Wir brauchen heute kleinere Klassen, weil die Varianz der Schüler so groß ist. Man braucht einfach mehr Zeit.“

3 An der Schulentwicklung muss eine effiziente psychologische und sozialpädagogische Beratung beteiligt sein und generell Bestandteil der Organisationsentwicklung der Bildungsarbeit werden. Desolat erscheint uns dagegen schon das schulpsychologische Stützsystem im Saarland. Während zum Beispiel in Finnland und Dänemark ein Psychologe bis zu 800 Schüler betreut und in den USA die Relation noch bei 1:1.000 liegt, müssen wir wegen eines Verhältnisses von bis zu 1:18.000 (!) monatelange Wartezeiten hinnehmen.